Erblicher Brustkrebes : PD.Dr. Strobel
Brustkrebs ist die häufigste Krebserkrankung der Frau. In Deutschland erkranken jährlich ungefähr 43 000 Frauen an Brustkrebs. Brustkrebs kann sehr unterschiedlich verlaufen. Wichtig sind das Stadium und damit der Ausbreitungsgrad der Erkrankung zu dem Zeitpunkt, an dem man die Erkrankung erkennt.
Wenn Brustkrebs in einem frühen Stadium erkannt wird, dann ist die Möglichkeit viel größer, dass er geheilt werden kann. Jede Frau kann dazu beitragen, indem sie regelmäßig zur Vorsorgeuntersuchung geht und ab dem 40. Lebensjahr dabei auch regelmäßig eine Mammographie durchführen lässt. Eine wichtige Rolle spielt auch das Alter der Patientin. Wenn Brustkrebs bei jungen Frauen auftritt, wächst er im Allgemeinen schneller, als wenn er bei einer 70-jährigen Frau entsteht. Der Brustkrebs bei jungen Frauen hat noch weitere Besonderheiten. Er kann ein Hinweis darauf sein, dass die Bereitschaft, an Brustkrebs zu erkranken, vererbt wird. Weniger als ein Prozent der Brustkrebse treten zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr auf, aber mehr als 50 Prozent der Brustkrebse unter 30 Jahren sind erblich.
Die meisten Brustkrebsfälle treten sporadisch auf. Nur in fünf bis maximal zehn Prozent der Fälle besteht eine genetische, also erbliche Veranlagung. Dafür sind Mutationen, also Veränderungen in verschiedenen Genen verantwortlich. In den letzten Jahren hat die Forschung auf diesem Gebiet viele neue Erkenntnisse gebracht, und man hat sehr viel über die Gene BRCA1 und BRCA2 gelernt. BRCA steht für Breast Cancer, das ist der englische Ausdruck für Brustkrebs. BRCA-Gene sind Tumorsuppressorgene, das heißt sie verhindern normalerweise das Auftreten eines Tumors. Wenn die Brustkrebsgene BRCA1 und BRCA2 aber durch eine Mutation verändert sind, können sie für die Entwicklung eines Brustkrebses oder anderen Krebses mitverantwortlich sein. Mutationen der Gene BRCA1 und BRCA2 sind für 60 - 70 Prozent dieser erblichen Brustkrebse verantwortlich. In den übrigen Fällen sind andere Gene betroffen.
Die Tatsache, dass bei einem Menschen eine Mutation in einem der Brustkrebsgene BRCA1 und BRCA2 vorkommt, heißt aber noch nicht, dass dieser Mensch auch an einem Krebs erkrankt, aber die Wahrscheinlichkeit dafür ist viel größer. Eine Mutation im BRCA1-Gen führt zu einem 50 – 60-prozentigen Risiko für die Entstehung eines Brustkrebses im Verlauf des Lebens bis zum Alter von 70 Jahren und zu einem zirka 16-prozentigen Risiko für die Entstehung eines Eierstockskrebses bis zum Alter von 70 Jahren. Bei Männern ist das Risiko für einen Prostatakrebs erhöht. Eine Mutation im BRCA2-Gen führt zu einem erhöhten Risiko für Brustkrebs in einer ähnlichen Größenordnung, auch für Brustkrebs beim Mann. Aber auch Eierstocks-, Prostata- und Bauchspeicheldrüsenkrebs und Lymphome entstehen häufiger.
Bei über 50 Prozent der Trägerinnen der BRCA1- oder BRCA2-Mutationen tritt der Brustkrebs vor dem 50. Lebensjahr auf, oft ist er doppelseitig.
Es gibt unterschiedliche Mutationen im BRCA1- und BRCA2-Gen. Diese besitzen ein unterschiedliches Erkrankungsrisiko und eine unterschiedliche Häufigkeit, an einem Eierstockskrebs zu erkranken.
BRCA1-Mutationen treten in der Bevölkerung in einer Häufigkeit von zirka 1 : 1000 auf. In Deutschland sind Neumutationen häufig, das heißt dass verschiedene Patienten unterschiedliche Mutationen tragen können. In anderen Bevölkerungsgruppen wie bei Isländern, Norwegern, Schweden, Finnen und Holländern können die gleichen Mutationen bei verschiedenen Patienten vorkommen.
Wann ist es sinnvoll zu untersuchen, ob eine Mutation im BRCA1- oder BRCA2-Gen vorliegt? Es gibt ein Forschungsprojekt der Deutschen Krebshilfe, Mildred-Scheel-Stiftung zur Erforschung des familiären Mamma- und Ovarialkarzinoms, also des erblichen Brust- und Eierstockskrebses. In Deutschland werden BRCA1- und BRCA2-Mutationen in betroffenen Familien seit 1996 im Rahmen dieses Forschungsprojekts der Deutschen Krebshilfe untersucht. Zuerst wird die betroffene Patientin untersucht, ob bei ihr eine Mutation vorliegt. Wenn eine Mutation gefunden wird, können anschließend auch Familienangehörige untersucht werden, ob sie die Mutation ebenfalls besitzen. Dies erlaubt bereits vor dem Auftreten der Erkrankung, diejenigen Frauen und Männer in betroffenen Familien durch diese genetischen Untersuchungen herauszufinden, die ein besonders erhöhtes Risiko für Brust- oder andere Krebsarten haben. Damit können diese gesunden Personen von einem Früherkennungsprogramm besonders profitieren.
Die Untersuchten werden vor der Gendiagnostik und im weiteren Verlauf von einem interdisziplinären Team aus Frauenärzten, Genetikern und Psychologen betreut.
Eine Gendiagnostik mit BRCA1- und BRCA2-Mutationsanalyse ist nur sinnvoll, wenn mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit ein erblicher Brustkrebs entdeckt werden kann. Folgendes kann dafür sprechen:
Definition der Risikofaktoren für erblichen Brustkrebs
- mindestens zwei an Brustkrebs erkrankte Familienmitglieder, wobei eine vor dem 50. Lebensjahr erkrankt ist
- oder mindestens zwei betroffene Familienmitglieder, wobei eine vor dem 50. Lebensjahr am Eierstockskrebs und eine weitere altersunabhängig an Brustkrebs erkrankt ist
- oder Erkrankung an einem beidseitigem Brustkrebs oder Brustkrebs beim Mann
- oder Erkrankung an Brustkrebs vor dem 30. Lebensjahr.
Das Früherkennungsprogramm verhindert den Brustkrebs nicht, sondern soll ihn in einem frühen und damit heilbaren Stadium erkennen. Das Brustkrebs-Früherkennungsprogramm für Hochrisikopatientinnen mit BRCA1- oder BRCA2-Mutation beinhaltet folgende Untersuchungen:
- Selbstuntersuchung der Brust, Brustabtastung durch den Arzt
- Ultraschalluntersuchung der Brust
- Mammographie
- Mammakernspintomographie
Dabei sollten die Selbstuntersuchung der Brust monatlich und die ärztliche Brustabtastung halbjährlich erfolgen. Auch die Ultraschalluntersuchung der Brust sollte halbjährlich durchgeführt werden. Die Basismammographie sollte mit 30 Jahren oder fünf Jahre vor dem frühesten Auftreten eines Brustkrebses in der Familie stattfinden. Bei guter Beurteilbarkeit sollte die Mammographie jährlich wiederholt werden. Die Mammographie erlaubt den Nachweis eines Brustkrebses bereits ab einer Größe von ein bis zwei Millimetern. Bei jungen Frauen kann die Dichte des Brustdrüsengewebes die mammographische Erkennung eines Krebses erschweren. Auch ist die Wachstumsgeschwindigkeit des Brustkrebses bei jungen Frauen im Allgemeinen größer als bei älteren Frauen. Dies vermindert die Effektivität des mammographischen Früherkennungsprogramms bei jungen Frauen. Die Mammakernspintomographie sollte bis zum 50. Lebensjahr jährlich durchgeführt werden. Danach ist sie nur bei fraglichen Mammographiebefunden notwendig.
Weil bei den Mutationsträgern auch häufiger Eierstockskrebse auftreten können, muß das in das Früherkennungsprogramm miteinbezogen werden. Das Eierstockskrebs-Früherkennungsprogramm für Hochrisikopatientinnen mit BRCA1- oder BRCA2-Mutation beinhaltet eine halbjährliche gynäkologische Untersuchung mit Ultraschalluntersuchung durch die Scheide und bei Frauen nach den Wechseljahren zusätzlich halbjährliche Ca-125-Bestimmungen im Blut.
Fazit:
Das Positive, was wir aus diesen Tatsachen lernen können, ist, dass wir neuerdings durch eine Genanalyse herausfinden können, ob jemand eine Risikoperson ist. Dies heißt, dass sie ein deutlich erhöhtes Risiko für Brustkrebs hat. Aber die Genanalyse erlaubt auch, diejenigen Personen herauszufinden, die zwar eine Verwandte mit Brustkrebs haben, aber selbst die Mutation nicht besitzen und damit kein erhöhtes Risiko für Brustkrebs haben. Diese Frauen sind durch die genetischen Untersuchungen erleichtert, weil sie die Mutation nicht besitzen.
Die Personen mit einer BRCA1- oder BRCA2-Mutation können von einem intensiven Früherkennungsprogramm sehr profitieren. Das intensive Früherkennungsprogramm bringt große Hoffnungen, da häufig dadurch der Krebs in einem so frühen Stadium erkannt werden kann, dass er heilbar ist und dank der neu erforschten Früherkennungsmöglichkeiten die Angst vor dem Krebs genommen wird.
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